Geflügelte Gäste

„Unterer Turm ohne Storchennest“ so lautete eine Zeitungsüberschrift am  5. Dezember 1935.

„Zum letztenmale sahen gestern die Hechinger das vertraute Bild des Storchennestes auf dem Unteren Turm. Seit der Sturmnacht vom Sonntag hing das schon längst arg mitgenommene Nest aus Flechtwerk ganz windschief an der Spitze des Turmes. Gestern musste es mit Hilfe der großen Feuerwehrleiter und zwei weiteren damit verbundenen Leitern herangeholt werden. Nicht jeder hätte sich an die Stelle des jungen Maurermeisters Otto Schetter gewünscht, der die gefährliche Arbeit besorgte.

Die Storchenwohnung brauchte nicht erneuert zu werden, ist sie doch auf dem Wohnungsmarkt der Störche gestrichen. Es ist schon lange her, dass ein Storch oder Storchenpaar seinen Wohnsitz dort oben hatte, und es war damals für die ganze Stadt ein freudig besprochenes  Ereignis, wenn die hohen Mitbürger wieder von der langen Südlandreise eingetroffen waren. Seit vielen Jahren meiden jedoch die Störche den unteren Turm. Sie empfinden den Rauch der nahen Kamine nicht angenehm und – auch bei den Störchen ist die Nahrungsfrage entscheidend – finden nach dem Verschwinden der Weiher und sumpfigen Stellen zu wenig Nahrung. Die Störchenromantik ist in Hechingen zu Ende.“